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31. März 2017

Die „Tür-zu-Tür“-App der SPD – Hauptsache responsive!

Disketten

Wir schreiben das Jahr 2017. Samsung veröffentlicht das Galaxy S 8 und wirbt mit Virtual Reality, im digitalen Marketing werden Chat-Bots für die Kundenbindung eingesetzt – kurz: alles schreitet voran. Ach ja! Die Bundestagswahl steht außerdem vor der Tür. Grund genug für die SPD, eine App zu entwickeln, die als innovatives Marktforschungs-Tool den „Wahlkampf digitalisiert“. So viel zum Selbstverständnis.

Würden wir uns die Digitalisierung als Schlachtfeld vorstellen, in dessen Zentrum innovative Marken selbstbewusst ihren Mann stünden, lägen sämtliche deutsche Parteien irgendwo am Rand und klammerten sich ehrfürchtig an ihre Holzschwerter – vor sich ein weites Feld ungenutztes Potenzial. Politik und Digitalisierung pflegen ein recht stiefmütterliches Verhältnis. Das beweist die „Tür-zu-Tür“-App eindrucksvoll.

In den USA erfolgreich, in Deutschland ein Flop

Dabei hatte die SPD theoretisch beste Voraussetzungen. In Zusammenarbeit mit Jim Messina – 2012 Wahlkampfberater von Barack Obama – holte man sich professionelle Hilfe ins Haus und entwickelte eben jene App, die man in einem Artikel vom 20. März 2017 mit subtilem Pathos ankündigte. Bei den meisten, die regelmäßig online sind, dürfte sich allerdings schnell Ernüchterung einstellen.

Das betrifft zum einen das, was die App leisten soll, und zum anderen die Art und Weise, wie die Vorteile der App kommuniziert werden. Zum Verständnis: Es handelt sich um eine App, die Wahlkämpfer nutzen, wenn sie von Tür zu Tür ziehen – ein digitales Formular mit Fragen, das zur Clusterung von Wohngebieten dient, um das Wählerstimmenpotenzial zu beurteilen. Messina half Obama 2012 mit einem Fragenkatalog, die Wählerschaft zu definieren. Das Problem: Der Mehrwert der Zusammenarbeit mit Jim Messina verpufft in der deutschen Adaption, denn der amerikanische Fragenkatalog ist nach deutschem Datenschutzrecht nicht zulässig. Also wurde er an deutsche Verhältnisse angepasst. Die SPD erfährt nun lediglich etwas über die Haltung zu bestimmten Themen oder Kandidaten – die gemittelte Haltung eines Bezirks. Mit einem Tool, mit dem US-Demokraten 2012 noch konkrete und wertvolle Zielgruppeninfos erhielten.

Nicht mehr als „digitalisiertes Papier”

Newsletteranmeldung, Datenarchivierung, einfache Handhabung – ein großer Wurf sieht anders aus, denn auch ein Fragebogen aus Papier lässt sich einfach handhaben, archivieren und bietet die Möglichkeit, seine E-Mail-Adresse einzutragen.

Das alles führt unterm Strich zu der Erkenntnis, dass die SPD im Jahre 2017 eine Alternative zur papierbasierten Marktforschung für sich entdeckt hat, diese aber weder inhaltlich weiterentwickelt noch die sich bietenden Möglichkeiten ausgeschöpft. Es bleiben dieselben Fragen wie beim Haustür-Wahlkampf auf Papier. Bei der App handele es sich um eine „sogenannte responsive Internetseite“. „Sogenannt“ – allein dieses eine Wort offenbart Jahre der technologischen Versäumnisse und Verständnislosigkeit. Und das registrieren vor allem junge Menschen. Dieser Versuch, Politik am Puls der Zeit zu inszenieren, dürfte als gescheitert betrachtet werden.

Technologisch noch viel zu lernen

Deutsche Parteien beweisen große Naivität, wenn es um technologische Neuerungen geht. Sei es im Zusammenhang mit der „Neuland“-Debatte oder eben dieser SPD-App. Der Umgang mit neuen Technologien erinnert an die ewigen Freuden eines Teenagers, der seine Eltern regelmäßig über die Peinlichkeit dieses oder jenes Ausdrucks aufklären muss:
„Nein, wir ‚Kiddies’ sagen schon seit langem nicht mehr ‚knorke’!“
So ähnlich scheint es in der Politik auch zu laufen:
„Nein, diese App ist kein digitaler Fortschritt! Sie ist nicht mal eine gute App.“
Aber immerhin ist sie responsive.

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