shield

|   Ein Blog der Wunderknaben

|   Zur Startseite

12. August 2014

#Aufschrei

Wie Leitmedien der Gesellschaft künstlich aufgeblasene Debatten aufzwingen. Und Social Media uns alle stärker macht.

Schweinsteiger verhöhnt Borussia Dortmund! Vorbildfunktion! #Schweinigate! Skandal!
Die deutschen Nationalspieler machen sich über ihre argentinischen Finalgegner lustig! #Gaucho-Gate! #Rassismus! Alles kaputt!

So heftig rauschte es im Blätterwald der deutschen Leitmedien. Der Spiegel berichtete in mehreren Artikeln über die tanzenden Nationalspieler, die FAZ schrieb von einem „gigantischen Eigentor“, ein Kommentar im Tagesspiegel stellte sogar einen Bezug zur „Herrenmenschen-Debatte“ her und bezeichnete die Spieler als „Riesentrottel“. Mehr geht kaum. Aber rauschte es, weil der Wind so stark blies oder weil der Wald selbst nach Aufmerksamkeit ächzte? Oh, #Aufschrei, #Waldsterben!

Debatten werden künstlich erzeugt

Es passiert immer häufiger, dass Themen in den Leitmedien hochgejazzt und als gesellschaftlich relevant proklamiert werden. Dabei kann die Gesellschaft eher weniger dafür. Dieser werden die Debatten aufgedrängt, um dann zu sagen, es wären welche. Und eine Menge Folgeartikel zu rechtfertigen. Ist das noch Journalismus?

Sicher ist es eine der Hauptaufgaben des investigativen Journalismus’, Strömungen und Gefahren schon zu erkennen, bevor die Bevölkerung davon Wind bekommt. Was früher die Dichter waren, also die Seismographen der Gesellschaft, müssen heute die Journalisten sein. Und viele nehmen diesen Auftrag ernst.

Die Debatte über die Debatte beginnt

Doch in einer immer schnelleren Zeit, in der jeder #Skandal die Auflage rettet, nimmt dies groteske Züge an. Nämlich wenn erfundene oder künstlich erzeugte Debatten und Diskurse in der Bevölkerung als Grundlage für den nächsten Leitartikel dienen, und daraufhin eine Debatte in Gang kommt, die die aufgekommende Debatte in den Medien zum Thema hat. Verstehen Sie? Dann beginnt der Kampf der Masse über Kommentare, Diskussionen und vor allem die sozialen Medien, an dessen Ende herauskommt, dass das doch alles gar kein Thema sei. Eine gefährliche Entwicklung ist das, wenn Leitdiskussionen darüber handeln, ob diese Leitdiskussion überhaupt eine Diskussion wert ist. So geschehen bei der im Kern durchaus berechtigten Sexismus-Debatte um Rainer Brüderle, die Anfang 2013 so richtig Fahrt aufnahm. Es gibt so viele wichtige Themen, die einer wirklichen ganzgesellschaftlichen Auseinandersetzung bedürfen. Aber wir sind ja schon mit dem #Aufschrei über den nächsten #Aufschrei beschäftigt. #AufschreiAufschrei heißt das dann wohl!

Weniger Aufschrei – mehr Verantwortung

Es ist an der Zeit, die Dinge mal wieder etwas seriöser zu betrachten. Und diesen Schuh müssen sich vor allem die Leitmedien des Landes anziehen. Also alle, die sich dafür halten. Hysterie bringt niemanden weiter. Vor allem wenn sie künstlich ist. Und sie hindert uns daran, die Missstände zu sehen und anzuprangern, die es wirklich wert sind.

Das Web macht uns alle stärker

Aber diese Entwicklung hat auch etwas sehr Wertvolles offengelegt: Das Netz macht unsere Demokratie stärker. Leitmedien sind nicht länger unantastbare Instanzen, sondern werden ständig von der Gemeinschaft kontrolliert und durch Kommentare, Tweets, Shares und Likes reguliert. Die Debatte um „Gaucho-Gate“ wurde zu einer Debatte um die Debatte. Und nach kurzer Zeit drehte sich der Wind auch im Blätterwald. Ein Verdienst der Masse, die im Netz stärker ist als je zuvor.

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *