20 Mrz 2020

Homeoffice – wenn aus Benefit Notwendigkeit wird

Beitrag von: Manuel Höttges

„Die Mitarbeiter sind ja nicht weg. Sie sind nur woanders.“

Das kennt man in der Formulierung vielleicht nur vom Geld, trifft allerdings erstaunlich präzise auch auf Themen wie New Work und konkret Homeoffice zu. Die Fragestellung bzw. Vermutung dahinter ist nämlich dieselbe: „Wenn die Leute nicht im Büro sitzen … existieren sie dann nicht mehr?! 😱 *kreisch*“

Die Antwort ist in Bezug auf Mitarbeiter glücklicherweise deutlich beruhigender als beim Geld: Nein, sie sind noch da. Und sie bringen demselben Arbeitgeber bestenfalls mindestens dieselbe Leistung, wie wenn sie im Büro säßen. Etwas, das man vom ausgegebenen Geld nicht unbedingt behaupten kann. Konkret auf uns als Agentur in der jetzigen Situation bezogen und mit dem Pathos der Rede vor einer „Herr der Ringe“-Schlacht – oder wahlweise im Versicherungssprech – formuliert, klingt der erste Satz dann eher so:

„Wir sind zwar nicht hier. Aber wir sind noch da.“

Wir kümmern uns weiter, auch wenn die bisherigen Spielregeln geändert wurden. Das hat nichts mit Gen Z oder unserer Attraktivität als Arbeitgeber zu tun, sondern vielmehr mit Einflüssen, denen nun jeder Arbeitgeber in irgendeiner Form begegnen muss. Das tun wir aus Verantwortung unseren Mitarbeitern und deren Familien gegenüber und nicht zuletzt, um unsere Kunden weiter betreuen zu können, die ihrerseits in vielen Fällen mit Fragestellungen konfrontiert werden, die sich im bisher üblichen – nicht von Corona beeinflussten Tagesgeschäft – einfach nicht ergaben.

Damit ist etwas, das lange Zeit als Benefit kommuniziert wurde, praktisch über Nacht obligatorisch geworden. Und wir haben letztendlich sehr schnell und unbürokratisch die Infrastruktur schaffen können, die jedem das Arbeiten von Zuhause aus ermöglicht. An der Art und Weise, wie wir unsere Kunden betreuen, ändert das allerdings relativ wenig, weil sich jeder in der Agentur in einem hohen Maß persönlich für seine Kunden verantwortlich fühlt. Das ist nicht selbstverständlich und verdient sicherlich höchste Anerkennung. *Ein bisschen Selbstlob darf in diesen Zeiten sein*

Die große Frage, die man sich möglicherweise vielerorts stellt, ist aber folgende:
Wie kann es sein, dass man sich der Vorteile neuer Kollaborations- und Arbeitsformen erst dann bewusst wird, wenn es im Prinzip keine andere Option mehr gibt?

Homeoffice ist nicht neu, New Work als Begriff schon beinahe in die Jahre gekommen. Und doch scheint man erst jetzt zu erfassen, dass körperliche Präsenz im Zweifel keine Notwendigkeit sein muss. Hallo Digitalisierung! Sicherlich wird der Arbeitsmodus ein anderer als bisher sein und Kreativität entfaltet ihr Potenzial am ehesten im Pingpong zwischen mehr als einem Gehirn. Aber die Aufgaben sind momentan auch andere als bis vor ein paar Wochen noch. Kurzfristiger, spontaner, auf schnelle Lösungen angewiesen.

Am Ende gilt es vor allem, sich Tag für Tag diesen Herausforderungen zu stellen, aber den Blick nach vorn zu richten. Denn es wird ein „danach“ geben. Schon jetzt zeigt sich, dass sich aus der Krisensituation heraus neue Bedürfnisse ergeben, deren Fragestellungen aber seit jeher auf der Hand lagen: Was ist die Alternative, wenn eine Messe abgesagt wird? Wie kommen Unternehmen mit anderen Unternehmen in Kontakt, wenn höhere Gewalt die bisher übliche Kontaktaufnahme verhindert?

Das alles ist nicht trivial. Allerdings ist das auch keine unlösbare Aufgabe. Man muss nur die schon bekannten Bestandteile anders koordinieren. Was im konkreten Fall eines unserer Kunden bedeutet, dass wir eine Messe schlicht und ergreifend digitalisiert haben – eine digitale Plattform mit Experten-Chats, Livestreams, Demo-Clips. Dafür musste niemand das Rad neu erfinden. Denn das Internet mit seinen Möglichkeiten gibt es schon ein wenig länger, wurde in manchen Bereich nur noch nicht so tief erschlossen. Weil es vielleicht einfach als nicht notwendig erachtet wurde.

Und so verhält es sich auch mit Homeoffice. Gab es schon lange. Die Argumentation zielte bloß häufig auf die Fragestellung nach persönlichen Vorteilen ab. Für den Arbeitnehmer bedeutete Homeoffice „Toll, ich habe die Freiheit, Zuhause arbeiten zu können.“, für den Arbeitgeber „Toll, der bleibt erst mal in meinem Unternehmen.“.

Corona gab den Impuls, die Mehrwerte von gar nicht mal so innovativen aber eher stiefmütterlich behandelten Arbeitsmodellen neu zu sortieren. Und in einem größeren Kontext betrachtet könnte diese aktuelle Lage, in der wir uns befinden, der Digitalisierungs- und Innovations-Weckruf für Arbeitgeber in Deutschland gewesen sein. Vielleicht ist das jetzt sogar der Startschuss, um die Definition von Agentur und Unternehmen zu hinterfragen.

Denn obwohl wir an verschiedenen Orten sitzen, existieren die Wunderknaben noch.

Wir sind im Homeoffice. Nicht in der Agentur.

Aber vielleicht ist die Agentur ja gar kein Ort.

Geschrieben von Manuel Höttges.
Macht als Unit Director Text & Content irgendwas mit Medien.
Hängt in seiner Freizeit öfter mal an Felsen.
Altert seit 1985 unaufhaltsam.
Passabler Sänger.

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